{"id":199,"date":"2024-08-22T18:20:27","date_gmt":"2024-08-22T18:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/?p=199"},"modified":"2024-11-20T12:21:18","modified_gmt":"2024-11-20T12:21:18","slug":"martina-winkler-fuer-eine-trennung-der-betreuung-und-begutachtung-von-promotionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/?p=199","title":{"rendered":"Martina Winkler: F\u00fcr eine Trennung der Betreuung und Begutachtung von Promotionen"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Bedingungen, unter denen in Deutschland Promotionen entstehen, geh\u00f6ren zu den Dingen, die zun\u00e4chst selbstverst\u00e4ndlich erscheinen (\u201ewar schon immer so\u201c), bei genauerem Hinsehen aber in ihrer Absurdit\u00e4t \u00fcberraschen. Zentrales Element dabei ist die Verkn\u00fcpfung von Betreuungsfunktion und Gutachtert\u00e4tigkeit in einer Person. Es lohnt, sich dies auf der Zunge zergehen zu lassen. Der oder die Professor*in stellt Promovierende ein, formuliert zumindest in manchen F\u00e4llen die Aufgabenstellung der Dissertation, \u201ebetreut\u201c das Projekt, fungiert au\u00dferdem oft noch als Dienstvorgesetzte, ist bei Teilen kumulativer Arbeiten zuweilen Mitautor*in. Konkret bedeutet dies: Der oder die Betreuerin kann intensiv beraten \u2013 oder auch nicht. Er oder sie erm\u00f6glicht Archivreisen, Feldforschung, Bibliotheksaufenthalte, Konferenzteilnahmen, Publikationen \u2013 oder auch nicht. Betreuer*innen k\u00f6nnen Promovierenden den R\u00fccken freihalten und sie von Verwaltungsarbeit verschonen \u2013 oder auch nicht. Wer Dienstreisen genehmigt und finanziert, wer B\u00fccher, Software und Apparate kauft, hat enorme Einflussm\u00f6glichkeiten. Wer \u00fcber Urlaubsantr\u00e4ge, die Verteilung von Arbeitsauftr\u00e4gen, Deadlines und Home-Office-Regelungen entscheidet, ebenfalls. Von der Entscheidungsmacht \u00fcber Laborzeiten einmal ganz zu schweigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zusammengefasst bedeutet dies: Betreuer*innen haben fast unbegrenzten Einfluss auf die Bedingungen, unter denen Dissertationen entstehen, und am Ende bewerten sie eben diese Arbeit mit einer Note. Es kann kaum verwundern, dass Kolleg*innen aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, sei es Gro\u00dfbritannien, den Niederlanden, Schweden, \u00d6sterreich oder Tschechien, verwundert mit den K\u00f6pfen sch\u00fctteln, wenn sie von diesen Strukturen h\u00f6ren. Und auch in Deutschland wird diese Praxis seit langem kritisiert. Bereits 2011 sprach sich der <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/1704-11\">Wissenschaftsrat f\u00fcr eine Trennung und Begutachtung<\/a> aus, &nbsp;ruderte 2023 allerdings angesichts <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/2023\/1196-23\">\u201eder deutschen Tradition, dass die Betreuungsperson das Erstgutachten erstellt\u201c<\/a>, wieder etwas zur\u00fcck. Die GEW hingegen betont die vielen <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/fileadmin\/media\/sonstige_downloads\/hv\/Hochschule_und_Forschung\/Positionspapier\/Positionspapier_Promotionsbegleitung.pdf\">Vorteile einer Trennung<\/a>. In der Praxis bleibt eine Trennung die seltene Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr eine Trennung<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Argumente f\u00fcr eine Trennung kommen aus zwei Diskussionszusammenh\u00e4ngen, die einander aber erg\u00e4nzen und \u00fcberschneiden. Diese Zusammenh\u00e4nge sind a) der Wunsch nach einer Verbesserung der wissenschaftlichen Qualit\u00e4t und b) der Kampf gegen Machtmissbrauch an Hochschulen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaftliche Qualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das gro\u00dfe Erstaunen ausl\u00e4ndischer Kolleg*innen \u00fcber die deutsche Regelung entspringt zumeist der Verwunderung dar\u00fcber, dass wir eine Note, die am Ende eines so engen und langen Arbeitsverh\u00e4ltnisses steht, tats\u00e4chlich f\u00fcr objektiv halten. Professor*innen, die eine von ihnen selbst betreute Dissertation benoten, benoten letztlich immer auch sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch schon im Arbeitsprozess kann die bestehende Regelung sich negativ auf die wissenschaftliche Qualit\u00e4t auswirken. So mag die Herausbildung von \u201eSchulen\u201c schmeichelhaft sein. Sie w\u00e4re aber \u00fcberzeugender, wenn Promovierende wirklich ergebnisoffen und unabh\u00e4ngig entscheiden k\u00f6nnten, welche Modelle und Methoden sie anwenden wollen, und wenn diese Entscheidung allein von den Anforderungen des Themas abhinge und nicht vom Wissen, dass der oder die Betreuende am Ende auch \u00fcber die Annahme der Arbeit und die Note bestimmt. Die jetzige Regelung bremst die freie wissenschaftliche Entwicklung von Promovierenden aus und passt damit sehr gut in ein System, das seinen sogenannten \u201eNachwuchs\u201c systematisch infantilisiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Machtmissbrauch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Machtf\u00fclle, die Professor*innen an Universit\u00e4ten zukommt, ist kaum zu rechtfertigen. Dabei spielt die Verkn\u00fcpfung von Betreuung und Benotung, oft noch erg\u00e4nzt durch ein Dienstvorgesetztenverh\u00e4ltnis, eine entscheidende Rolle. In der Debatte um Machtmissbrauch an Hochschulen wird eine Aufl\u00f6sung dieses Machtknotens als wichtigen Schritt hin zu einer Verbesserung der Verh\u00e4ltnisse gesehen. Denn auch hier ist es wieder das Wissen um das am Ende des Prozesses stehende Gutachten, das \u2013 neben anderen Aspekten \u2013 die Promovierenden erpressbar macht. Beschwerden \u00fcber vertragswidrige Arbeitsbedingungen, N\u00f6tigung oder Bel\u00e4stigung fallen deutlich leichter, wenn die Annahme und Benotung der Dissertation nicht von eben der Person abh\u00e4ngt, \u00fcber die man sich beschweren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei allen Diskussionen \u00fcber Machtmissbrauch an Universit\u00e4ten gilt auch hier: Eine neue Regelung wird Machtmissbrauch nicht vollst\u00e4ndig verhindern, sie bildet aber eine M\u00f6glichkeit, die Strukturen weniger anf\u00e4llig f\u00fcr missbr\u00e4uchliches Verhalten zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">M\u00f6gliche Ma\u00dfnahmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Debatte und beim Blick \u00fcber die Grenzen des deutschen Wissenschaftssystems hinaus kommen schnell zahlreiche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine bessere Gestaltung zusammen. Diese k\u00f6nnen flexibel eingesetzt werden, was auch eine Anpassung der Regelung an verschiedene Fachkulturen m\u00f6glich macht. Hier nur einige Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der\/die Hauptbetreuende ist nicht an der Benotung beteiligt.<\/li>\n\n\n\n<li>Entzerrung des Lehrer*in-Sch\u00fcler*in-Verh\u00e4ltnisses durch Dissertationskomitees.<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Komitees k\u00f6nnen die Mitarbeit von Gutachter*innen aus der eigenen Universit\u00e4t, anderen Universit\u00e4ten und\/oder aus dem Ausland erfordern.<\/li>\n\n\n\n<li>Gutachter*innen werden vom\/von der Doktorand*in vorgeschlagen und von einem Komitee\/der Fakult\u00e4t best\u00e4tigt.<\/li>\n\n\n\n<li>Der\/die Hauptbetreuende ist nicht an der Benotung beteiligt, hat aber die M\u00f6glichkeit, einen Bericht \u00fcber den Verlauf der Arbeit zu schreiben. Dabei kann auf Probleme (Notwendigkeit, die Fragestellung zu ver\u00e4ndern; Archive waren geschlossen; Methodik wurde weiterentwickelt; Krankheit etc. etc.) hingewiesen werden, um den Gutachter*innen einen Einblick zu geben und die M\u00f6glichkeit, fair und mit R\u00fccksicht auf die individuellen Arbeitsbedingungen zu bewerten.<\/li>\n\n\n\n<li>Klare Befangenheitsregeln, sowohl f\u00fcr die Komitees als auch f\u00fcr die Hauptbetreuer*innen.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine grundlegende Umstrukturierung der Machtverh\u00e4ltnisse an Universit\u00e4ten durch ein Department-System.<\/li>\n\n\n\n<li>Jede*r Doktorand*in hat das garantierte Recht, zu jedem Zeitpunkt und ohne Angabe von Gr\u00fcnden die Betreuung zu wechseln. Das Institut\/die Fakult\u00e4t ist verpflichtet, diesem Wunsch nachzukommen.<\/li>\n\n\n\n<li>Promovierende erhalten ein eigenes Budget, um finanziell nicht von ihrer\/m Betreuer*in und Dienstvorgesetzten abh\u00e4ngig zu sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Betreuungsvereinbarungen legen die Pflichten und Rechte der Promovierenden und der Betreuenden fest. Diese Vereinbarungen sowie Arbeitsvertr\u00e4ge und T\u00e4tigkeitsbeschreibungen werden den Promovierenden bei Arbeitsbeginn ausgeh\u00e4ndigt, gemeinsam mit einer Liste mit Ansprechpartnern f\u00fcr Probleme.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gegenargumente<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch die Argumente gegen eine Trennung kommen aus zwei verschiedenen Richtungen. Einmal gibt es zahlreiche Bef\u00fcrchtungen organisatorischer Art, die weitgehend auf die Frage hinauslaufen: Gibt es gen\u00fcgend potentielle Gutachter*innen? Angesichts des sehr differenzierten und sehr aktiven Begutachtungswesens in Deutschland, das sich von Antr\u00e4gen auf Exzellenzcluster \u00fcber Berufungen und Rezertifizierung bis hin zum peer-review wissenschaftlicher Publikationen erstreckt, ist es allerdings nur schwer vorstellbar, dass sich ausgerechnet f\u00fcr Dissertationen keine Gutachter*innen finden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Argumentationsgruppe ist grundlegend. Sie entspringt einem \u2013 in den meisten F\u00e4llen sicher ehrlichen \u2013 Schutzimpuls, dem Wunsch, \u201emeine\u201c Promovierenden vor einer m\u00f6glicherweise ungerechten Bewertung abzuschirmen. Diese Haltung ist verst\u00e4ndlich. Sie ist aber auch ein Zeichen f\u00fcr den fundamental paternalistischen Charakter des deutschen Wissenschaftssystems. Trauen wir Promovierenden, die drei, vier, bis zu sechs Jahre an einer Dissertation geschrieben haben, wirklich so wenig zu? F\u00fchlen wir uns so sehr als \u201eDoktormutter\u201c oder \u201e-vater\u201c, dass wir diese hochqualifizierten Forscher*innen nicht unbeaufsichtigt der wissenschaftlichen Kritik aussetzen wollen? Das Argument zeigt dar\u00fcber hinaus auch, wie wenig wir dem System trauen. Wir bauen auf individuelle Beziehungen und beargw\u00f6hnen die bestehenden Kontrollmechanismen. Zugleich lehnen wir in einer paradoxen Dynamik die Verbesserungen solcher Mechanismen ab. Ein paternalistisches System fordert paternalistisches Verhalten heraus. Umso wichtiger ist es, endlich dagegen anzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Martina-Winkler-Begutachtung-Betreuung.pdf\">Text als pdf zum Download<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bedingungen, unter denen in Deutschland Promotionen entstehen, geh\u00f6ren zu den Dingen, die zun\u00e4chst selbstverst\u00e4ndlich erscheinen (\u201ewar schon immer so\u201c), bei genauerem Hinsehen aber in ihrer Absurdit\u00e4t \u00fcberraschen. Zentrales Element dabei ist die Verkn\u00fcpfung von Betreuungsfunktion und Gutachtert\u00e4tigkeit in einer Person. Es lohnt, sich dies auf der Zunge zergehen zu lassen. 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