{"id":384,"date":"2024-11-20T12:11:27","date_gmt":"2024-11-20T12:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/?p=384"},"modified":"2025-01-14T12:54:03","modified_gmt":"2025-01-14T12:54:03","slug":"was-steckt-hinter-der-exzellenzfassade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/?p=384","title":{"rendered":"Hinter der Exzellenzfassade"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(von Tilman Reitz, Christina H\u00f6lzel, Daniel Leising, Ruth Mayer und Katharina Meinecke, 20.11.2024)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An den deutschen Universit\u00e4ten herrscht wieder einmal Endspielstimmung. Im Rahmen der Exzellenzstrategie wird bald \u00fcber die F\u00f6rderung einzelner \u201cCluster\u201d entschieden, und besonders erfolgreiche Standorte k\u00f6nnen sich kommendes Jahr um den Status der \u201cExzellenzuniversit\u00e4t\u201d bewerben. Gleichzeitig kehrt angesichts leerer Hochschulkassen, maroder Geb\u00e4ude und unzureichender Personalbudgets die Diskussion \u00fcber Sinn oder Unsinn der Exzellenzstrategie insgesamt wieder. Thorsten Wilhelmy hatte in dieser Zeitung gefordert, sie nach der aktuellen Runde einmal auszusetzen, um die Infrastrukturen zu konsolidieren. Auch andere Stellungnahmen \u2013 etwa von Annette Schavan, Georg Sch\u00fctte und Peter-Andr\u00e9 Alt \u2013 bezeichneten den Exzellenzwettbewerb als \u201c\u00fcberhitzt\u201d und beurteilten die projektbasierte Hochschulfinanzierung insgesamt als \u201cfragil\u201d. Zur Korrektur wurden h\u00f6here Nebenkostenpauschalen (Wilhelmy), st\u00e4rkere inhaltliche Vorgaben (Sch\u00fctte) oder eine Streichung der F\u00f6rderlinie Exzellenzuniversit\u00e4ten (Alt) diskutiert. Die Vorsitzenden der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Wissenschaftsrats, Katja Becker und Wolfgang Wick, scheinen die Debatte nun beenden zu wollen, indem sie den Eindruck der \u201cAtemlosigkeit und \u00dcberhitzung\u201d schlicht zur\u00fcckweisen. Die Exzellenzstrategie, so ihr Argument, schaffe \u201cPlanungs- und Finanzierungssicherheit\u201d, da Exzellenzcluster f\u00fcr bis zu vierzehn Jahre und Exzellenzuniversit\u00e4ten bei stetig erfolgreicher Wiederbewerbung dauerhaft gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen. Becker und Wick fordern sogar mehr vom Gleichen, n\u00e4mlich eine \u201ceurop\u00e4ische Exzellenzstrategie, die von unseren Erfahrungen profitieren\u201d w\u00fcrde. Die von Wilhelmy und anderen aufgeworfene Grundfrage bleibt damit unbeantwortet: Sollte ein Hochschulsystem, dessen Betriebsf\u00e4higkeit durch akute Finanzengp\u00e4sse gef\u00e4hrdet ist, j\u00e4hrlich weit \u00fcber eine halbe Milliarde Euro in einem Wettbewerb verfeuern, in dem es zentral um \u201cSichtbarkeit\u201d, also um Prestige, geht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage wurde nicht immer so dringlich gestellt. Fr\u00fchere Kritiken richteten sich vor allem gegen die vorgesehene Stratifizierung des Systems in privilegierte Exzellenz-Leuchtt\u00fcrme, Normaluniversit\u00e4ten ohne Spitzenforschung und eine dritte Hochschulliga von nur noch regionaler Bedeutung. F\u00fcr ein solches Szenario sind die vergebenen Summen aber vielleicht doch zu klein und zu breit gestreut. Aktuell steht noch nicht einmal fest, dass Universit\u00e4ten mit Exzellenzclustern oder -status finanziell wirklich abgesichert sind. Engp\u00e4sse im Grundbedarf k\u00f6nnen hier wie andernorts neben der Vorzeigeforschung fortbestehen \u2013 was inzwischen vermehrt Befremden ausl\u00f6st. Man kann an Potemkinsche D\u00f6rfer denken, die f\u00fcr die Gutachtenden und die Geldgebenden errichtet und bei positivem F\u00f6rderbescheid f\u00fcr einige Jahre luxuri\u00f6s ausgebaut werden, w\u00e4hrend abseits der Begehungsroute die Labore und Seminarr\u00e4ume immer weiter verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Exzellenzstrategie ist damit ein Pr\u00fcfungsfall f\u00fcr das Netzwerk Nachhaltige Wissenschaft, in dem wir uns von professoraler Seite f\u00fcr verl\u00e4ssliche Besch\u00e4ftigung, solide Finanzierung, Transparenz und sinnvolle Beurteilungsstandards im deutschen Hochschulsystem einsetzen. Da die Kritik an der Exzellenzstrategie bei unseren Mitgliedern verschieden stark ausgepr\u00e4gt ist und niemand alle ihre Effekte \u00fcberblickt, haben wir zun\u00e4chst fragend interveniert. Wir haben der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und L\u00e4ndern (GWK), die das Programm verantwortet, sowie der DFG und dem Wissenschaftsrat als durchf\u00fchrenden Organen im September eine <a href=\"https:\/\/netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de\/?p=287\">Reihe kritischer Fragen zur Exzellenzstrategie<\/a> gestellt, die teils Grundprobleme, teils Verbesserungschancen betreffen. Erbeten wurden etwa Einsch\u00e4tzungen zu den Kosten und Motiven der Antragstellenden, Ausk\u00fcnfte zur Gestaltung des Vergabeverfahrens und zur Rolle dauerhafter Lehraufgaben und Personalplanungen. M\u00f6glicherweise reagiert der Beitrag von Frau Becker und Herrn Wick indirekt auch auf diesen Ansto\u00df. Jedenfalls haben uns die Institutionen Antwortschreiben geschickt, die wir zusammen mit unseren Fragen auf unserer Webseite ver\u00f6ffentlicht haben. Leider erlauben aber auch diese Antworten nur begrenzt Blicke hinter die Exzellenzfassade. Sie zeigen uns vielmehr, dass ein genaueres Hinsehen vielleicht gar nicht erw\u00fcnscht ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies gilt besonders f\u00fcr die Reaktion der GWK. Statt erkennbar auf unsere Fragen einzugehen, hat sie uns nach f\u00fcnf Wochen eine allgemeine Stellungnahme zugehen lassen, die sich wie rasch aus den Webseiten des Exzellenzprogramms zusammenkopiert liest: \u201cDie Exzellenzstrategie stellt ein starkes Bekenntnis von Bund und L\u00e4ndern zur universit\u00e4ren Spitzenforschung in Deutschland dar. Sie tr\u00e4gt dazu bei, durch die Ausbildung von Leistungsspitzen den Wissenschaftsstandort nachhaltig zu st\u00e4rken und seine internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit weiter zu verbessern. Die Exzellenzstrategie hat eine hohe Dynamik an den Universit\u00e4ten ausgel\u00f6st \u2026 \u201d Auch auf den folgenden knapp zwei Seiten werden uns vorrangig Formeln dieser Art und einige bekannte Zahlen mitgeteilt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns ist bewusst, dass zur Zeit unseres Schreibens viel anlag. Die inzwischen zur\u00fcckgetretene Wissenschaftsministerin und GWK-Vorsitzende Bettina Stark-Watzinger&nbsp;&nbsp;&nbsp;war nicht nur mit Kritik an ihrer Amtsf\u00fchrung besch\u00e4ftigt, sie h\u00e4tte auch das wissenschaftliche Befristungsrecht reformieren und eine Bund-L\u00e4nder-Initiative f\u00fcr mehr akademische Dauerstellen auf den Weg bringen m\u00fcssen. Dennoch hatten wir gehofft, dass gerade die GWK uns substanziell antworten w\u00fcrde, da DFG und Wissenschaftsrat nicht f\u00fcr Grundsatzentscheidungen zust\u00e4ndig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese beiden Organisationen sind in einem gemeinsamen Schreiben ernsthaft und ausf\u00fchrlich auf unsere Fragen eingegangen. Sie lassen allerdings ebenso wenig&nbsp;&nbsp;Problembewusstsein erkennen wie nun ihre Vorsitzenden. So wurde unsere Frage, welche Rolle Faktoren wie der L\u00e4nderproporz bei der Mittelvergabe spielen, mit dem Hinweis beantwortet, dass die Wissenschaft im zentralen Entscheidungsgremium eine Mehrheit hat. Frau Becker und Herrn Wick f\u00fcgen in ihrem Beitrag hinzu, dass auch auf europ\u00e4ischer Ebene \u201callein streng wissenschaftsgeleitete Kriterien und Verfahren\u201d entscheiden d\u00fcrften. Unerw\u00e4hnt bleibt, dass in der letzten Vergaberunde die Zahl der Exzellenzcluster spontan von 47 auf 57 erh\u00f6ht wurde, worauf drei zuvor zu kurz gekommene L\u00e4nder (alle mit CDU-Regierungsbeteiligung) pl\u00f6tzlich viel besser dastanden. Auch die Einsch\u00e4tzung dazu, ob bestimmte Forschungsfragen der Cluster je verfolgt worden w\u00e4ren, wenn nicht Exzellenzmittel in Aussicht gestanden h\u00e4tten, zeugt von gro\u00dfem Verfahrensvertrauen: Nach Ansicht der DFG und des Wissenschaftsrats w\u00fcrden prim\u00e4r durch die F\u00f6rderaussicht motivierte Vorhaben \u201evon den international anerkannten Expert*innen, die die Begutachtung \u00fcbernehmen, schnell als solche erkannt werden.\u201c Becker und Wick \u00e4u\u00dfern sich \u00e4hnlich zuversichtlich, wenngleich mit system\u00fcblicher Unbestimmtheit: \u201cAm Ende steht [&#8230;] eine Auswahl besonders zukunftstr\u00e4chtiger Projekte, die dem kritischen Blick der internationalen scientific community standhalten und das Potenzial haben, die wissenschaftlichen Grundlagen der n\u00e4chsten gro\u00dfen Durchbr\u00fcche zu erarbeiten.\u201d Da alles dies blo\u00df behauptet wird, kann keine der Aussagen unseren Verdacht ausr\u00e4umen. Es lohnt auch zu bemerken, was sie alles&nbsp;<em>nicht<\/em>&nbsp;ber\u00fccksichtigen: Prestige-, Macht- und Ausstattungsinteressen, den nach Auskunft Beteiligter \u201cextremen Druck\u201d von Kollegen und Hochschulleitungen, sich am Exzellenzwettbewerb zu beteiligen, oder auch nur das Bed\u00fcrfnis, mit einem geschickt gestellten Antrag drohenden Sparzw\u00e4ngen und einer daraus resultierenden Handlungsunf\u00e4higkeit zu entgehen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An unseren guten Glauben appellieren auch zahlreiche weitere Ausk\u00fcnfte, zu denen Zahlen und Beispiele fehlen. Wir haben erfreut gelesen, dass im Rahmen der Exzellenzstrategie Innovationen in der Lehre angesto\u00dfen, Departmentstrukturen bef\u00f6rdert und sogar Dauerstellen jenseits der Professur geschaffen wurden. Wir h\u00e4tten nur gerne auch gewusst, wo, in welchem Umfang und in welcher Weise dies alles umgesetzt wurde. Auch zu den Kosten, die im Rahmen von Exzellenzbewerbungen f\u00fcr Beratung, Probebegehungen, vorbereitende F\u00f6rderung oder die schlichte Bindung von Arbeitskraft entstehen, wollten wir nicht blo\u00df lesen, dass \u201cdie Antragstellung und deren Vorbereitung ein hohes pers\u00f6nliches Engagement und enormen zeitlichen Einsatz\u201d verlangen und die \u201cBeteiligten sehr enthusiastisch und engagiert sind\u201d. W\u00fcrde verantwortliches Wirtschaften mit erheblichen Summen \u00f6ffentlichen Geldes nicht erfordern, dass den erwarteten, bisher erbrachten und in jedem Fall irgendwie nachgewiesenen Ertr\u00e4gen eine einigerma\u00dfen realistische Gesamtkostenrechnung gegen\u00fcbergestellt wird? F\u00fcr die vielen F\u00e4lle schlie\u00dflich, in denen der enorme Aufwand vergeblich war, haben Becker und Wick nur den Trost \u00fcbrig, dass allein \u201cdurch die Vorbereitung der Antr\u00e4ge [&#8230;] produktive Ideen ins Rollen\u201d k\u00e4men. Wohin sie \u2013 ohne die daf\u00fcr beantragten Mittel \u2013 rollen sollen, bleibt indes ungewiss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die aufgeworfenen Fragen ernsthaft zu kl\u00e4ren, w\u00e4re eine unabh\u00e4ngige, professionelle Evaluierung der Exzellenzstrategie n\u00f6tig, die mithin weder von DFG und Wissenschaftsrat selbst organisiert noch einer Handvoll international ausgewiesener Chef-Wissenschaftler \u00fcberlassen werden darf. Es br\u00e4uchte belastbare Zahlen und frei zug\u00e4ngliche Daten, gut recherchierte Beispiele f\u00fcr vorbildliche und missbr\u00e4uchliche Antrags-, Vergabe- und Verwendungspraxis und eine vielstimmige Diskussion der Ergebnisse. All dies m\u00fcsste zeitig vor der Einl\u00e4utung der n\u00e4chsten Wettbewerbsrunde vorliegen. Erst recht w\u00e4re eine substanzielle Evaluierung nat\u00fcrlich erforderlich, bevor man das deutsche Modell f\u00fcr eine gesamteurop\u00e4ische Neuauflage empfiehlt. Die erst f\u00fcr 2035 angek\u00fcndigte Evaluation kommt zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon der jetzige Wissensstand legt zwei politische Schlussfolgerungen nahe. Die F\u00f6rderung der vermuteten Leuchtt\u00fcrme bleibt zynisch, wenn ansonsten regelm\u00e4\u00dfig die Lichter ausgehen. Will man nachhaltig f\u00f6rdern, braucht es ein Hilfsprogramm von mindestens gleichem Umfang f\u00fcr die vielen Universit\u00e4ten, die durch Sanierungsstau, steigende Betriebskosten und Tarifsteigerungen in Finanznot geraten sind. Das betrifft auch Kandidaten f\u00fcr den Exzellenzstatus. Zudem muss der F\u00f6rderbetrieb insgesamt dringend reformiert werden. Auch erfolgreiche Antr\u00e4ge garantieren keine gelungene Forschung, fressen aber jede Menge Zeit und Energie. Die Wissenschaft gewinnt nicht, wenn man Universit\u00e4ten wie Sportclubs gegeneinander in Turniere schickt, und der Zwang zum Schaulauf l\u00e4dt bei mangelnder Transparenz und Kontrolle zu T\u00e4uschungsverhalten ein. Statt teurer, k\u00fcnstlicher Wettbewerbe, deren qualit\u00e4tssteigernde Effekte stets nur behauptet werden, braucht es Grundf\u00f6rderung in der Breite. Dann kann es statt um Forschungsfinanzierung endlich wieder um Forschungsergebnisse gehen. Andernfalls drohen unsere Universit\u00e4ten wirklich den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Eine redaktionell bearbeitete, v.a. etwas gek\u00fcrzte Version dieses Beitrags erschien in der&nbsp;<em>FAZ<\/em>, Nr. 271, Mittwoch, 20.11.2024, S. N4).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Tilman Reitz, Christina H\u00f6lzel, Daniel Leising, Ruth Mayer und Katharina Meinecke, 20.11.2024) An den deutschen Universit\u00e4ten herrscht wieder einmal Endspielstimmung. Im Rahmen der Exzellenzstrategie wird bald \u00fcber die F\u00f6rderung einzelner \u201cCluster\u201d entschieden, und besonders erfolgreiche Standorte k\u00f6nnen sich kommendes Jahr um den Status der \u201cExzellenzuniversit\u00e4t\u201d bewerben. 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